Die tägliche Dusche: wo das Problem liegt
Jeanne, 72 Jahre alt, erlebt das am eigenen Leib. In einem beschlagenen Badezimmer kämpft sie mit juckenden Beinen und einem „papier-trockenen“ Rücken. Ihre Enkelin fragt sie halb im Scherz: „Oma, duschst du wirklich jeden Tag?“ Daraus wird klar: die Haut braucht heute andere Pflege als noch vor Jahrzehnten. Dr. Léa Martin, geriatrische Dermatologin, bringt es auf den Punkt: „Was die Gesundheit nach 65 schützt, ist regelmäßige, angepasste Hygiene, nicht ein täglicher Kampf zwischen Ihrer Haut und der Dusche.“
Pflege-Routine anpassen
In einem französischen Altenheim rät eine Pflegerin den Bewohnern, ihre Duschgewohnheiten zu überdenken. Zwei bis drei vollständige Duschen pro Woche sind für die meisten gesunden Erwachsenen über 65 völlig ausreichend. An den übrigen Tagen reicht eine gezielte Reinigung der Schlüsselzonen. Laut Dr. Martin muss man nicht nach Desinfektionsmittel riechen, um sauber zu sein. Besonders gefährdete Zonen wie Gesicht, Achselhöhlen und Leiste sollten mit warmem Wasser und einem milden Reiniger gewaschen werden.
Wenn Überreinigung der Haut schadet
Die Erfahrung von André, 79 Jahre alt und pensionierter Elektriker, zeigt, was passieren kann, wenn die Pflege falsch läuft. Jahrelang hielt er an seinem „Aufwachritual“ fest: einer langen, sehr heißen Dusche, bei der er sich von Kopf bis Fuß intensiv mit Seife reinigte. Als seine Haut irritiert und extrem trocken wurde, suchte er einen Dermatologen auf. Die Diagnose: zu oft, zu heiß, zu intensiv gereinigt. Nach einer Umstellung erholte sich Andrés Haut, und er musste nicht mehr nachts wegen Jucken aufwachen.
Dr. Martin erklärt, dass heiße Duschen das schützende Sebum (Hautfett) entfernen und so Mikrorisse und Folgeerkrankungen begünstigen. Sie empfiehlt stattdessen lauwarmes Wasser und kurze Duschen von sieben bis zehn Minuten. Seife sollte nur in strategischen Bereichen benutzt werden, dort, wo sich Bakterien bevorzugt ansammeln.
Praktische Hilfen für die Körperpflege
Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist die gewohnte Hygiene oft schwerer zu bewältigen. Hilfsmittel wie ein Duschstuhl oder eine Handbrause machen die Körperpflege deutlich einfacher. Die „Toilette au lavabo“ (Waschen am Waschbecken) ist eine schonende Alternative zur täglichen Dusche. Wichtig sind dabei ein weiches Waschtuch und milde Seife.
Zur Nachsorge empfiehlt es sich, die Haut sanft abzutupfen und sofort eine Feuchtigkeitscreme aufzutragen, solange die Haut noch leicht feucht ist. Das hilft, die Feuchtigkeit in der Haut zu bewahren und Trockenheit zu verringern.
Die Veränderung der Pflegegewohnheiten im Alter ist nicht einfach. Viele ältere Menschen sind mit dem Sprichwort „Sauberkeit ist der Frömmigkeit nächste“ aufgewachsen, und umdenken fällt schwer. Doch die Anpassung der Routine an reifere Haut trägt maßgeblich zu einem besseren Wohlbefinden bei und schützt vor unnötigen Hautproblemen.
In einer Welt, die sich ständig verändert, sollten wir nicht nur äußere Dinge im Blick behalten, sondern auch die stille Wandlung unseres eigenen Körpers im Alter. Das Umdenken und Anpassen der Hygienerituale ist kein Zeichen des Nachlassens, sondern ein Akt der Selbstfürsorge.