So wurden die Proben genommen
Die Proben stammen von der abgelegenen Crary Ice Rise in Westantarktika, mehr als 700 Kilometer von der bekannten Scott Base entfernt (letztere ist eine neuseeländische Forschungsstation). Vor Ort nutzten die Forscher ein aufwändiges Verfahren: Zuerst schmolzen sie mit einem Heißwasserbohrer die 523 Meter dicke Eisdecke durch. Danach setzten sie ein maßgeschneidertes Bohrsystem ein, um die Sedimentkerne zu gewinnen.
Insgesamt stammen die Proben aus 228 Metern Sediment und Gestein und sind damit die bislang tiefsten ihrer Art. Beim Hochziehen wurden bis zu 3 Meter lange Kernabschnitte verwendet, was die technische Herausforderung der Operation verdeutlicht. Die Kerne liefern eine chronologische Abfolge der Schichten und bilden so eine Art „Zeitachse im Boden“, die helfen kann, die klimatische Entwicklung der Region nachzuvollziehen.
Was die Schichten verraten
Jede Lage in den Sedimentkernen enthält Hinweise, die Forschern erlauben, vergangene Klimabedingungen zu rekonstruieren. Huw Horgan beschrieb die Funde als “entscheidende Erkenntnisse”, während Molly Patterson hervorhob, dass feinere marine Reste, darunter Muschelschalenfragmente, darauf hindeuten, dass es Zeiten gab, in denen offenes Wasser über diesen Sedimenten stand. Diese Hinweise sprechen dafür, dass Teile Westantarktikas zeitweise eisfrei waren und dem offenen Ozean ausgesetzt wurden.
Blick zurück und nach vorn
Die Altersbestimmung der Proben ergibt einen Wert von rund 23 Millionen Jahren. Momentan laufen detaillierte Laboranalysen, um diese Altersangaben zu verfeinern und die klimatischen Bedingungen während der Ablagerung genauer zu klären. Die Ergebnisse sind wichtig für die Verbesserung von Computermodellen, mit denen man das Verhalten von Eisschilden unter einem sich erwärmenden Klima vorhersagen will. Besonders im Fokus steht dabei der Westantarktische Eisschild, dessen vollständiges Abschmelzen einen globalen Meeresspiegelanstieg von etwa 4 bis 5 Metern verursachen könnte.
Solche Prognosen sind von großer Bedeutung für Küstengemeinden, Hafenstädte und Planer von Überschwemmungsschutzmaßnahmen weltweit. Satellitendaten zeigen in den letzten Jahrzehnten einen beschleunigten Masseverlust des Eisschilds, weshalb die sorgfältige Analyse der entnommenen Proben hohe Priorität hat, wie Huw Horgan es zusammenfasste: “Die Einsätze sind enorm”.
Die bisherigen Ergebnisse des SWAIS2C-Projekts deuten darauf hin, dass größere Bereiche des Westantarktischen Eisschilds in der Vergangenheit eisfrei waren und dass die aktuellen klimatischen Veränderungen ähnliche Entwicklungen auslösen könnten. Jetzt geht es darum, in den Laboren die genauen Schichtdaten zu ermitteln und die Bedeutung dieser Funde für die globale Klimamodellierung umfassend zu klären.